Weniger Druck

Weniger Druck. Mehr Kind.

Der Druck unserer Leistungsgesellschaft ist in den Kinderzimmern angekommen.

Die Zahlen der WHO sind erschreckend: Fast ein Drittel aller 11-jährigen Schulkinder in der Schweiz leidet an Schlafproblemen. 15 Prozent von ihnen geben gar an, ständig niedergeschlagen zu sein. Der Grund ist oft Stress!

Auch wenn mich die Zahlen erschrecken, so richtig erstaunen tun sie mich trotzdem nicht. Denn nebst der Tatsache, dass die Kinder heute immer früher eingeschult werden, werden auch die Erwartungen an sie immer grösser. Frühenglisch, Frühmathe, Leistungssport – der Optimierungsdruck unserer Leistungsgesellschaft ist geradewegs in den Kinderzimmern angekommen.

Der Terminkalender eines Kindes ist mittlerweile so voll wie der eines gestandenen Managers. Nur: für uns „Grossen“ gibt es zahlreiche Regelungen, die uns vor Überlastung schützen sollen. So sind zum Beispiel die Höchstarbeitszeiten festgelegt, Sonntag- und Nachtarbeit brauchen spezielle Bewilligungen und das Leisten von Überstunden ist genau geregelt.

Wenn aber trotzdem schon wir Erwachsenen über Überlastung bis hin zu Burn-Outs klagen und deshalb Kurse in Stressmanagement oder Yoga über Mittag nehmen – wie geht es denn erst den Kindern, die in diesem Alter vor allem spielen und sich austoben wollen?

Kein Wunder, wünschen sich Kinder neben der Schule und den Hausaufgaben vor allem Zeit. Mehr freie und selbstbestimmte Zeit, um Dinge zu tun, die ihnen auch wirklich Spass machen.

Diesen Wunsch kann ich sehr gut nachvollziehen. Und auch die Forschung bestätigt, dass die Entwicklung der Kinder durch Spielen entscheidend gefördert wird. Aus diesem Grund bin ich – und wir alle von Pro Juventute – überzeugt, dass wir unseren Kindern neben Liebe vor allem eines schenken sollten: Zeit, in der sie sich erholen und bewegen können und Zeit, in der sie ihre Stärken und Interessen kennenlernen.

Wir wünschen uns glückliche Kinder, die motiviert und lebensfroh sind. Und ich glaube ganz fest daran, dass sie dann am besten für die Zukunft gerüstet sind, wenn sie einfach wieder mehr Kind sein dürfen. Ganz im Sinne von:
„Weniger Druck. Mehr Kind“.

Katja Wiesendanger

Katja Wiesendanger

Katja Wiesendanger ist Direktorin der Stiftung Pro Juventute.

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