«Weniger Druck. Mehr Mensch.» – Unterstützung für die Eltern

«Weniger Druck. Mehr Mensch.» darf und soll auch für Eltern gelten. Damit dies möglich ist, sind der Aufbau und die Pflege eines Beziehungsnetzes hilfreich.

Die Unterstützung guter Freunde und der Familie ist eine Art Netz, das Beziehungen stark und dauerhaft macht. Dies schreibt der Weisheitslehrer Thich Nhat Hanh in seinem kleinen Büchlein «Einfach lieben». Angesichts unserer gesellschaftlichen Entwicklung ist es vielleicht ganz gut, dieses Netz über Familie und Freunde hinaus noch etwas weiter zu fassen.

Unterstützung hat viele Gesichter

Elternsein ist eine tolle, aber auch sehr herausfordernde Aufgabe. Diese kann Eltern in verschiedenen Phasen der Entwicklung des Kindes an ihre Grenzen bringen. Sei es an körperliche Grenzen wegen Schlafmangels in der Babyphase, an Grenzen der Geduld während der Trotzphase oder an Grenzen des Sichsorgens während der Pubertät. Immer wieder stellen sich Fragen wie: «Wie beruhige ich mein Kind und wie beruhige ich mich selbst? Welche Werte sind uns wichtig und was, bitteschön, mache ich jetzt konkret, wenn meine Tochter dies tut oder mein Sohn jenes sagt?» Eltern sind in allen Bereichen ihres Menschseins gefordert. Dementsprechend ist Unterstützung auch in verschiedenen Bereichen möglich und hilfreich.

  • Einerseits ist manchmal ganz einfach konkrete praktische Hilfe gefragt: jemand, der/die ab und zu oder gar regelmässig auf die Kinder aufpasst, damit dringliche Arbeiten erledigt werden können oder die Mutter/der Vater sich mal ein wenig ausruhen kann. Einige Familien behelfen sich hier mit gegenseitigem Kinderhüten. Und warum nicht auch mal das Putzen oder zumindest einzelne Reinigungstätigkeiten wie das Fenster- oder Kühlschrank- und Küchenschränkeputzen anderen überlassen? Es lohnt sich, den Ehrgeiz, alles selbst schaffen zu wollen, über Bord zu werfen, wo immer dies möglich ist.
  • Andererseits kann bereits ein verständnisvolles Ohr guttun. Es ist häufig gar nicht so einfach, das eigene Kind und vielleicht auch das eigene Verhalten zu verstehen. In offenen Gesprächen mit Dritten kommen gelegentlich bislang unbeachtete Aspekte zum Vorschein. Andere Menschen haben andere Erfahrungen und andere Ideen. Dies hilft oft, ein umfassenderes Verständnis für die Situation zu entwickeln und Sicherheit für den nächsten Schritt zu gewinnen.
  • Ausserdem kann ein Beziehungsnetz die Eltern nicht nur durch die in Gesprächen gewonnene Sicherheit stärken. Wenn Opa, Gotte, Lehrerin oder Nachbar angesichts eines schwierigen Verhaltens freundlich und klar dieselbe Haltung wie die Eltern einnehmen und dem Kind/Jugendlichen ihre Hilfe bei der Überwindung der Schwierigkeiten anbieten, hat dies eine zusätzliche unterstützende Wirkung.
  • Und auch dies: Menschen haben im Guten wie im weniger Guten ihre Eigenheiten. Darum helfen andere Menschen allein schon durch ihr Dasein und ihre individuellen Ratschläge. Mit ihren Fähigkeiten und Eigenheiten ergänzen sie das Bild, das Eltern ihren Kindern und Jugendlichen vom (Zusammen-)Leben vermitteln können, auf natürliche Weise um weitere Facetten.

Rund um die Uhr da für Eltern und Bezugspersonen

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Die Pro Juventute Elternberatung bietet per Telefon und online Beratung zu Alltagssituationen und unterstützt in Krisen. Per Telefon 058 261 61 61 oder Online

Unterstützung wäre schön, aber woher nehmen?

Manchmal ist ein tragendes System vorhanden. Dann wieder muss es infolge verschiedener Umstände wie Umzug, Trennung etc. praktisch neu aufgebaut werden. Veränderungen gehören zum Leben. Wichtig ist, dies anzuerkennen. Das soziale Netz kann sowohl aus engen wie aus eher losen oder sogar nur punktuellen Verbindungen bestehen. Und es kann auch dazugehören, Bekanntschaften oder Freundschaften, die nicht mehr guttun, zu beenden.

Hier einige Anregungen zur Pflege bzw. zum Ausbau unterstützender Beziehungen:

  • Egal ob Familie oder Nachbarschaftshilfe, wichtig ist ein offener, ehrlicher Austausch zwischen beiden Seiten darüber, welche Hilfe von der einen Seite gewünscht und welche von der anderen her möglich ist. Menschen sind soziale Wesen, die in der Regel gerne Kontakt miteinander haben und gerne helfen. Gleichzeitig besteht aber kein Anspruch auf Hilfe. Damit die Unterstützung zum Tragen kommt, braucht es auf beiden Seiten Respekt füreinander. Gerade auch innerhalb von Familien.
  • Eine wichtige Voraussetzung für Hilfsbereitschaft ist das Verständnis füreinander. Dinge, die nicht erklärbar sind, beunruhigen. Es ist von Vorteil, wenn die Nachbarn bei einem Treffen im Treppenhaus kurz darüber informiert werden, dass das Kind zurzeit schlecht träumt, die Familie gerade einen Weg aus der sogenannten Trotzphase sucht oder ein Jugendlicher am Rebellieren ist.

Der wertvolle Austausch in Elterngruppen

Für den wertvollen Austausch mit anderen Müttern/Vätern gibt es an vielen Orten Krabbelgruppen oder Mütter-/Vätergruppen. Oft werden diese auch sehr neutral von Kirchgemeinden gestützt. Vielleicht kann auch die Fachperson aus der Mütter-/Väterberatung in Ihrer Gemeinde hier Auskunft geben. Gibt es kein bestehendes Angebot, könnte frau/man selbst eine kleine Gruppe gründen. Vielleicht lohnt sich eine mutige Einladung zum Kaffee, wenn einem jemand beim Spazierengehen, auf dem Spielplatz oder im Wartezimmer des Kinderarztes sympathisch erscheint? Oder ein Aushang beim Kinderarzt oder beim Detailhändler? Zwei oder drei Elternteile mit Kind, die sich (un)regelmässig treffen und dann vielleicht auch gegenseitig auf die Kinder aufpassen? Manchmal öffnet nicht das Gespräch über die Fähigkeiten unserer Kinder oder uns selbst die Tür zu einem anderen Menschen, sondern das Eingestehen von Schwächen, von eigenen Schwierigkeiten.

Unterstützung holen – Tipps für Eltern:

  • Ein zumindest lockerer Kontakt zu den Eltern der Gschpänli der Kinder kann bei Kindern jeden Alters hilfreich sein: voneinander zu wissen, sich zu grüssen schafft eine Basis, um einfacher Kontakt aufnehmen zu können, wenn sich Schwierigkeiten abzeichnen oder es hilfreich wäre, zu wissen, wie diese Eltern die eine oder andere Problematik erleben oder angehen.
  • Ähnliches gilt für den Kontakt mit Kindergarten und Schule. Am Anfang des Schuljahrs ist meist noch ein freundliches, problemfreies gegenseitiges Kennenlernen möglich. Dies erleichtert es beiden Seiten, den Kontakt aufzunehmen, wenn im Laufe des Schuljahrs eine Frage oder ein Problem auftauchen sollte.
  • Eine Masche im Unterstützungsnetz, wenn ein Gesprächspartner in einer herausfordernden Situation gebraucht wird und/oder die Adresse einer weiterführenden Beratungsstelle helfen würde, kann auch unsere Pro Juventute Elternberatung sein: 24 h/7 Tage unter der Nummer 058 261 61 61 oder via Mail auf der Homepage www.projuventute-elternberatung.ch.
  • Je nach Alter der Kinder gibt es das Angebot der Mütter-/Väterberatung für bis fünfjährige Kinder, oder Familienberatungsstellen springen ein, wenn eine Beratung über einen längeren Zeitraum Sinn macht. Adressen dazu finden Sie auf unserer Homepage unter der Rubrik Beratungsstellen oder Sie rufen bei der Elternberatung (Telefonnummer siehe oben) an und wir suchen mit Ihnen die nächstgelegene Anlaufstelle in Ihrer Umgebung.
  • Im Krankheitsfall bietet das Schweizerische Rote Kreuz in verschiedenen Kantonen eine Notfallbetreuung an.
  • Babysitter: Mit einer Extraschulung vorbereitete junge Babysitter vermittelt das Schweizerische Rote Kreuz.
  • Und auch dies gehört dazu: Manchmal gibt es Freunde, die einem nicht mehr guttun oder im Moment nicht zur eigenen Lebenssituation passen. Menschen sind in verschiedenen Phasen ihres Lebens unterschiedlich, und auch Freundschaften dürfen Schwankungen unterliegen.

Friederike Adrian

Friederike Adrian

Friederike Adrian ist diplomierte Pädagogin und Beraterin bei der Pro Juventute Elternberatung. Diese steht Eltern und Erziehungsberechtigten jeden Tag und rund um die Uhr vertraulich zur Verfügung. Telefonisch zum Normaltarif unter 058 261 61 61 sowie Online unter
elternberatung.projuventute.ch

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