Rolle der Gesellschaft

Wir leben in einer Zeit voller Chancen und Möglichkeiten. Damit steigt aber auch der Druck, diese wahrzunehmen und «das Beste» aus seinem Leben zu machen. Das führt dazu, dass wir auch unsere Freizeit und diejenige unserer Kinder immer stärker dafür nutzen wollen, uns auf alle Herausforderungen der Leistungsgesellschaft vorzubereiten. Das für die Entwicklung der Kinder so zentrale freie Spiel kommt dabei je länger, je mehr zu kurz.

Zeitmangel und ein hoher Perfektionsanspruch bewirken, dass wir uns heute oft fühlen, als ob wir uns in einem Hamsterrad drehen würden. Das geht nicht nur Erwachsenen so, sondern immer mehr auch den Kindern und Jugendlichen in unserem Land. Eine Ursache dafür liegt in der weit verbreiteten Angst um die berufliche Zukunft.
Das Bildungssystem ist durchlässig geworden und bietet den Jugendlichen viele Chancen. Damit erhöht sich aber auch der Druck, diese Möglichkeiten zu nutzen. Sich mit weniger als dem Maximum zufriedenzugeben, ist oft keine Option mehr. Dass niemand die Zukunft voraussagen kann und niemand genau weiss, welches der richtige Weg ist, führt bei immer mehr Menschen zur Angst, das Falsche zu wählen.
Um allen Ansprüchen gerecht zu werden und alle Optionen offenzuhalten, verplanen daher viele Eltern die Zeit der Kinder stark. Sie verstehen unter Förderung, ihre Kinder möglichst früh und effizient auf die Anforderungen unserer Leistungsgesellschaft vorzubereiten. Das freie Spiel wird dagegen immer stärker mit unnützem Tun oder mit Zeitvertreib gleichgesetzt.

Die Bedeutung des freien Spiels

In den letzten 15 Jahren hat sich die Zeit, die für das freie Spiel bleibt, um ca. 30 Prozent verringert.

Die Forschung belegt jedoch, dass die Entwicklung der Kinder durch Spielen entscheidend gefördert wird. Kinder, welche zu Hause vielfältige Möglichkeiten zum Spielen bekommen, besitzen später bessere sprachliche Fähigkeiten, sind sozial kompetenter, empathischer und kreativer. Zudem sind diese Kinder weniger aggressiv, zeigen mehr Selbstkontrolle und verfügen über höhere Denkniveaus. Dazu gehören auch das Spiel im Freien sowie ein allgemein variantenreiches und anspruchsvolles Spielen.

Vor allem bei zwei Arten von Familien spitzt sich die fehlende Zeit zum freien Spiel zu: einerseits bei Familien mit Kindern, die oft alleine Zuhause sind und ihre Tage überwiegend mit Medienkonsum verbringen. Andererseits bei Familien mit überbehüteten Kindern, die stark in Förderprogramme eingebunden sind und strikt kontrolliert werden.

Immer mehr verplante Zeit führt dazu, dass Kinder verlernen, sich selbst zu beschäftigen, und das Gefühl auftaucht, nicht über die eigene Zeit bestimmen zu können. Es fehlen Lernpausen sowie Möglichkeiten zum Verweilen und sich aus eigenem Interesse in einer Tätigkeit zu verlieren.