Rolle der Eltern

In der Regel wollen Eltern nur das Beste für ihre Kinder. Zukunftsängste, vor allem die Sorge um die berufliche Zukunft ihrer Kinder, führen dazu, dass immer mehr Eltern auch die Freizeit dafür einsetzen, ihre Kinder möglichst gut auf die Anforderungen der Leistungsgesellschaft vorzubereiten. Für die Kinder bedeutet dies Stress – vor allem das Gefühl, nicht selber über die eigene Zeit verfügen zu können sowie keine Zeit zu haben für diejenigen Dinge, die sie gerne tun.

Um sich gesund zu entwickeln, benötigt ein Kind ein Umfeld, das ihm Folgendes bietet:

  1. Fürsorge und Schutz
  2. Eine anregende Umgebung mit vielfältigen Erfahrungsmöglichkeiten
  3. Erleben von Autonomie und Selbstwirksamkeit

Doch das Gefühl von Autonomie und Selbstbestimmung fehlt vielen Kindern gerade dann, wenn es um die Gestaltung der Zeit geht. Fast alle Kinder, die unter einer hohen Stressbelastung leiden, beklagen sich, weil Dinge zu kurz kommen, die Spass machen. Und eine Studie aus Deutschland zeigt: 60 Prozent der gestressten Kinder beklagen, dass sie von ihren Eltern bei der Freizeitgestaltung selten oder nie nach der eigenen Meinung gefragt werden.

Die Freizeit effektiv und effizient nutzen

Für deren Eltern ist es dagegen wichtig, dass ihr Kind auch in seiner Freizeit Dinge macht, die «sich später einmal auszahlen». Da es heute sehr schwierig ist, vorauszusehen, welche Qualifikationen in den kommenden Jahrzehnten in der Arbeitswelt gefragt sein werden, reagieren viele Eltern darauf, indem sie ihren Kindern alle Wege offenhalten möchten: viel Bildung und ein hoher Abschluss sowie ein breites Repertoire an Fähigkeiten und Interessen . Das führt dazu, dass immer mehr Kinder eine durchgeplante Freizeit haben. Im Schnitt spielen sie nur noch eine halbe Stunde pro Tag frei draussen.

Die Kinder werden durch diese vollen Zeitpläne, vor allem aber durch die fehlende freie und selbstbestimmte Zeit, demotiviert. Kinder haben jedoch einen angeborenen Antrieb zum Lernen. Wird dem Kind vorgeschrieben, was es machen soll, versucht es, den Ansprüchen gerecht zu werden – und verliert die eigene Motivation.

Studien zeigen, dass Kinder, die instruierte Programme durchlaufen und früher als üblich das Schreiben, Lesen und Rechnen lernen, im Vergleich zu Kindern, die mehr spielen, zwar kurzfristig bessere Ergebnisse erzielen – längerfristig jedoch in der Schule schlechter sind und durchschnittlich gar fünfmal häufiger eine Klasse wiederholen müssen.

Vorbildfunktion der Eltern

Bewusst oder unbewusst leben Eltern ihren Kindern vor, dass Erfolg meist eine zweifelhafte Work-Life-Balance nach sich zieht. Oft sind die Kinder widersprüchlichen Botschaften ausgesetzt. Aussagen wie: «Hauptsache, du bist glücklich», oder «Schulnoten sind nicht alles», stammen häufig von Eltern, die selber ein hohes Tempo an den Tag legen und unter Zeitmangel leiden, selber abends und am Wochenende noch die E-Mails checken und nur noch kurz etwas für die Arbeit erledigen müssen. Kinder besitzen jedoch ein feines Gespür für gelebte Werte.

Auf diesem Weg haben sich die Werte der Leistungsgesellschaft inzwischen auf die Kinder und Jugendlichen übertragen. Und bei den Jugendlichen haben unglaubliche Selbstdisziplinierungsprozesse stattgefunden. Ohne dass sie jemand dazu antreiben würde, wollen die Kinder von heute perfekt sein, stellen Jugendpsychiater fest. 80 Prozent der gestressten Jugendlichen erklären, dass sie sich vor allem selbst unter Druck setzt.