Erwartungen an die Kinder – Unterstützung oder Stress?

Wie viel kann und soll ich von meinen Kindern erwarten? Wann fördere ich sie, wann stresse ich sie? Wie kann ich selber damit umgehen, wenn nicht alles so klappt, wie ich mir das vorstelle? Die untenstehenden Tipps geben Ihnen eine Orientierung, um die Entwicklung Ihrer Kinder einerseits zu fördern, aber andererseits sie und sich selber nicht zu überfordern.

Glück ist Wirklichkeit minus Erwartung, sagt ein Hindu-Sprichwort. Eine interessante Gleichung, denn wollen wir nicht alle glücklich sein? Daher lohnt es sich, in aller Ruhe über unsere Erwartungen und deren Auswirkungen auf unser Leben nachzudenken.

Durch Erwartungen Kinder stärken

Zum Thema Erwartungen gibt es eine spannende Studie aus der Psychologie, die es auf den Punkt bringt, wie Erwartungshaltungen entscheidende Auswirkungen auf uns alle haben. Der amerikanische Psychologe Robert Rosenthal führte mit seiner Kollegin Leonore Jacobson 1965 ein Experiment durch. Sie täuschten den Lehrkräften an Schulen vor, bei 20 Prozent der Schüler*innen nach einem Intelligenztest enormes Entwicklungspotenzial festgestellt zu haben. Tatsächlich suchten sie die betreffenden Kinder völlig zufällig aus. Was meinen Sie, wie ist das Experiment ausgegangen?

Die Ergebnisse waren beeindruckend. Alle zufällig ausgewählten Kinder zeigten danach bessere schulische Leistungen und schnitten auch im Intelligenztest bedeutend besser ab. Was war passiert?

Die Lehrkräfte änderten automatisch ihre Erwartungen an diese Kinder. Diese Veränderung zeigte sich darin, dass sie sich mehr um diese Schüler*innen bemühten, geduldiger waren und viel mehr positives Feedback gaben. Davon profitierten vor allem die vermeintlich «schlechteren» Schüler*innen enorm. Weitere Studien haben diese Ergebnisse bestätigen können.

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Wenn elterliche Erwartungen zu Stress und Druck führen

Das beschriebene Experiment zeigt uns eindrücklich, wie unsere Erwartungen an andere grossen Einfluss auf unser Verhalten haben und dieses wiederum auf andere Menschen. Wir richten uns automatisch an unseren Erwartungen aus und können so die kindliche Entwicklung unterstützen und stärken oder auch hemmen und behindern.

Der springende Punkt ist jedoch, dass die Wirklichkeit oft ganz anders ist, als wir uns sie vorstellen oder es eben erwarten. Und oft treffen die Erwartungen der Eltern auf ganz andere der Kinder. Kleinere Kinder wollen spielen, wir erwarten, dass sie bei Besuch lange am Tisch sitzen und sich «benehmen». Kinder und Jugendliche ermüden beim Lernen schneller als Erwachsene, und doch erwarten wir, dass sie weiterlernen. Jugendliche wollen noch chillen, wir erwarten, dass sie ihr Zimmer genau jetzt aufräumen. Solche Situationen können sehr viel Druck erzeugen und zu Konflikten führen.

Der Blick auf die Wirklichkeit kann helfen, entspannter damit umzugehen. Zum Beispiel den Kindern zu erlauben, zum Spielen vom Tisch zu gehen, dem lernenden Kind einen kleinen Powernap von 20 Minuten zu gönnen oder bereit zu sein, mit den Jugendlichen über passendere Zeiten zu verhandeln. Das heisst konkret, bereit zu sein, Erwartungen zu verändern, damit diese realistischer werden. Die aktuelle Wirklichkeit wahrzunehmen und dann zu entscheiden, was nun wichtig ist und was möglich. Denn Erwartungen, die sich an der Realität und den Fähigkeiten der Kinder orientieren, stärken die Kinder und haben sogar positive Auswirkungen auf ihre Leistungen in der Schule.

Wenn wir uns durch unsere Erwartungen selber stressen

Als Eltern wollen wir immer alles perfekt machen: mit unseren Kindern liebevoll umgehen, ihnen Geborgenheit schenken und sie mit all unseren Kräften unterstützen und fördern, dazu den Haushalt perfekt im Schuss halten und erfolgreich in der Arbeit sein. Das alles ist enorm viel und oft mit sehr hohen Ansprüchen an uns selber verbunden. Die Enttäuschung ist umso grösser, wenn wir erleben müssen, wie wir an unsere Grenzen kommen, uns überfordert und hilflos fühlen. Wir denken dann sofort, wir seien nicht gut genug, keine guten Eltern, die anderen könnten das alles besser –  Selbstzweifel bestimmen dann unser Denken und wir fühlen uns blockiert.

Es lohnt sich auch hier, unsere Wirklichkeit in aller Ruhe genauer zu analysieren. Passen unsere Erwartungen zu unseren Fähigkeiten und Möglichkeiten? Fühlen wir uns ausgebrannt, weil unsere Ansprüche an uns selber unrealistisch sind? Sind wir deswegen erschöpft und enttäuscht?

Es kann sehr befreiend sein, sich vom hohen Anspruch loszusagen, um herauszufinden, was einem selber wichtig ist. Immer wieder innezuhalten, um die Wirklichkeit wahrzunehmen und die Möglichkeiten, die sie uns bietet.

So lernen auch unsere Kinder von uns, weil wir ihnen zeigen, dass man Druck und Unzufriedenheit wegen unrealistischer Erwartungen abbauen kann. Damit wächst gleichzeitig das Vertrauen in die tatsächlichen Möglichkeiten.

Könnte die Gleichung am Ende vielleicht so aussehen: Glück gleich Wirklichkeit. Was meinen Sie?

Glück gleich Wirklichkeit

    Die folgenden Fragen helfen Ihnen dabei, festzustellen, wie die «Wirklichkeit» ist, damit Sie Ihre Erwartungen an sich und an Ihre Kinder entsprechend anpassen können:
  • In welchen Situationen haben Sie zu hohe Erwartungen an sich selber oder an Ihre Kinder?
  • Was ist Ihnen (im Moment) wichtig?
  • Was trauen Sie sich zu?
  • Welche Ihrer Fähigkeiten können Sie im Moment nutzen?
  • Welche realistischen Möglichkeiten sind vorhanden?
  • Wie sehen kleine Schritte aus, um Ihren Wunsch / Ihr Ziel zu verwirklichen?
  • Was können Ihre Kinder bereits gut?
  • Welche Fähigkeiten und Möglichkeiten haben Ihre Kinder?
  • Welche kleinen Schritte können Ihren Kindern helfen, einen Wunsch / ein Ziel zu verwirklichen?
  • Was trauen Sie Ihren Kindern zu?
  • Was trauen sich Ihre Kinder selber zu?
  • Tipp:

      Anstatt sich darauf zu konzentrieren, was schlecht läuft, was fehlt, was noch besser sein könnte, den Blick bewusst und achtsam darauf lenken, was gut funktioniert, was machbar ist, um damit einen positiven und realistischen Blick auf die eigenen wie auch die kindlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten zu erhalten.
    Katrin Grimm

    Katrin Grimm

    Katrin Grimm ist MSc Psychologin und Beraterin bei der Pro Juventute Elternberatung. Diese steht Eltern und Erziehungsberechtigten jeden Tag und rund um die Uhr vertraulich zur Verfügung. Telefonisch zum Normaltarif unter 058 261 61 61 sowie Online unter
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