Kinder sollen draussen spielen

Ein Aufenthalt im Freien fördert die körperliche und seelische Gesundheit der Kinder. Zudem verbessert er das Konzentrationsvermögen und ermöglicht den sozialen Kontakt mit anderen Kindern. Doch die Zeit, in welcher die Kinder frei spielen dürfen und die sie in der Natur verbringen, wird immer kürzer. Vor den Folgen dieser Entwicklung warnt Markus Weissert, der ehemalige Leitende Arzt der Neuropädiatrie im Ostschweizer Kinderspital.

Kinder sind in der heutigen Gesellschaft weltweit kaum eine Stunde pro Tag draussen – und damit weniger lang als Strafgefangene, die Anrecht auf mindestens eine Stunde im Freien haben.

Dabei sind gerade im Kleinkindalter selbständige Spielerfahrungen in der freien Natur für die Entwicklung der Wahrnehmung und der Bewegung sehr wichtig. In diesem begrenzten Zeitfenster bilden sich breit vernetzte Verbindungen im wachsenden Nervensystem. Die Freude an der Bewegung beugt zudem Übergewicht und dessen Folgeproblemen wirksam vor.

Stärkung von Körper, Immunsystem und Konzentration

Durch den Kontakt mit der biodiversen Umwelt wird das Immunsystem gestärkt und infolgedessen kommt es seltener zu Allergien als in der sterilen Wohnraumatmosphäre. Die Sonne sorgt für ausreichende Bildung von Vitamin D, das für den Aufbau des Skeletts im Kindesalter besonders wichtig ist.

Schliesslich hilft das Tageslicht draussen, das Risiko für die starke Zunahme der Kurzsichtigkeit bei Kindern zu reduzieren – lange dauernde Nahsichtbeschäftigung mit elektronischen Medien und Innenraumaufenthalt sind dafür verantwortlich. Die Aussenaktivitäten der Kinder fördern soziale Kontakte, wirken stimmungsaufhellend und verbessern zudem das Konzentrationsvermögen und damit auch die Schulleistungen.

Kinder brauchen freie Zeit und naturnahe Spielräume

Doch viele Eltern haben Angst davor, ihre Kinder ins Freie zu lassen, da sie überall Gefahren sehen. Viele Kinder bewältigen nicht mal mehr den Schulweg selber, sie fahren mit dem Bus oder werden zunehmend von den Eltern gefahren. Und nach der Schule werden sie direkt zum nächsten Termin chauffiert – die Freizeit vieler Kinder ist straff durchorganisiert.

Wir Erwachsenen haben dafür zu sorgen, dass die Kinder ausreichend freie Zeit in der Natur verbringen können, sich bewegen und Neues entdecken. Dafür müssen sie auch naturnahe, gestaltbare Spielräume im Wohngebiet vorfinden, in denen sie eigenständig ihre Phantasie und Kreativität ausleben können und ihre Erlebnisse mit Spielkameraden teilen dürfen. Damit wird die Forderung nach mindestens einer Stunde im Freien pro Tag problemlos erfüllbar.

Dr. med. Markus Weissert

Dr. med. Markus Weissert

Markus Weissert ist Neuropädiater und war langjähriger Leiter der Neuropädiatrischen Abteilung am Ostschweizer Kinderspital. Zudem war er Mitglied der Kantonalen Sonderschulkommission St. Gallen. Er beschäftigt sich unter anderem mit den Auswirkungen der Umweltpädagogik auf die Entwicklung und die Gesundheit der Kinder.

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