60-Stunden Woche für Kinder

Kindergärtler, die über Bauchweh klagen, Primarschüler mit Kopfschmerzen, Sekundarschüler mit Schlaf- und Essstörungen: Unsere Kinder sind im Stress. Der untenstehende Beitrag ist die gekürzte Version eines Artikels von Florian Blumer, erschienen im «SonntagsBlick» vom 20. August 2017.

Leistungsdruck gehört zur Schule und Prüfungen haben immer schon Stress verursacht. Doch der Druck auf unsere Kinder und Jugendlichen hat ein solches Ausmass angenommen, dass sie krank werden davon. Neben den eingangs erwähnten körperlichen Symptomen gehört dazu auch Antriebslosigkeit bis zum Verlust des Lebenswillens. Ein zwölfjähriges Mädchen schrieb dem Kindernotruf 147: «Ich bin in letzter Zeit immer so müde und hab keine Kraft mehr. Nächste Woche haben wir drei Prüfungen und ich sollte eigentlich lernen, aber ich schaffs einfach nicht. Wenn ich nur schon dran denk, wird mir fast schlecht.»

Eine repräsentative Studie der Jacobs Foundation von 2015 ergab, dass jeder zweite Jugendliche unter Stress leidet. Was stresst unsere Jungen so? Eine Stressquelle, die in den letzten Jahren neu aufgetreten ist, ist das Smartphone: Es potenziert den sozialen Stress der Jungen und hält die jungen User 24 Stunden in Bereitschaft. Der zweite grosse Stressfaktor: der Verlust der freien Zeit.

60-Stunden Woche für Kinder

Beide Phänomene führen dazu, dass dringend benötigte Erholungsphasen, um Stressphasen auszugleichen, ausbleiben. Urs Kiener, Kinder- und Jugendpsychologe bei Pro Juventute, sagt: «Viele Kinder haben heute aufgrund durchorganisierter Freizeit eine 60-Stunden-Woche. Im Schnitt spielen sie noch eine halbe Stunde pro Tag frei draussen. Das ist wahnsinnig wenig.»

Hinzu kommt, dass der Arbeitsmarkt immer höhere Anforderungen an die Ausbildung der Jungen stellt und die Angst vor Arbeitslosigkeit grösser geworden ist. Besonders tragisch: Viele Eltern reagieren darauf, indem sie die Leistung ihres Nachwuchses bereits im Kita-Alter gezielt zu fördern versuchen. Und erreichen damit das Gegenteil. Psychologe Urs Kiener sagt: «Das Kind wird damit nicht klüger, sondern demotiviert. Denn Kinder haben einen angeborenen Antrieb zum Lernen. Wird dem Kind vorgeschrieben, was es machen soll, versucht es, den Ansprüchen gerecht zu werden – und verliert die eigene Motivation.» Kiener weiter: «Für die Entwicklung des Kindes ist Überforderung genauso schlimm wie Vernachlässigung.»

Besonders gefährlich laut dem Kinderpsychologen: «Immer mehr Eltern und Lehrer vermitteln den Kindern, dass jeder Schüler in allen Bereichen sehr gute Leistungen erbringen kann, wenn er nur genügend gefördert und gefordert wird.» Doch die Veranlagungen sind sehr unterschiedlich und die Entwicklung verläuft von Kind zu Kind verschieden. Passen die Anforderungen nicht zum Entwicklungsstand und zu den Kompetenzen, löst das bei den Kindern Stress aus.

Weniger ist oft mehr: Dies gilt für die Kinder und Jugendlichen noch mehr als für die Erwachsenen.

Urs Kiener

Urs Kiener

Urs Kiener ist Kinder- und Jugendpsychologe bei der Stiftung Pro Juventute. Der Text ist die gekürzte Version eines Artikels von Florian Blumer, erschienen im «SonntagsBlick» vom 20. August 2017.


Hat Ihnen der Artikel weitergeholfen?

22
3